Mit diesem Sammelbeitrag bewerbe ich mich bei einem Eltern-Blog-Award..

Der Eltern-Blog-Award ist von scoyoELTERN!Magazin.

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Umgang mit ungewöhnlichen Menschen(pflegen)

Als ich klein war haben mir meine eltern als aufgeklärte menschen, natürlich erklärt, dass wir menschen nicht anstarren, weil sie sich ungewöhnlich verhalten oder aussehen.

Meine mutter erzälte mir nicht nur gute nacht geschichten „aus dem besetzten haus“, sondern auch von den kindern in einer einrichtung für geistig und/oder körperlich behinderte kinder, so zwischen 8 und 17 jahren, in dem sie als 17jährige ein praktikum gemacht hatte, also ende der 70er jahre..

Es sind unglaublich lustige geschichten über ungewöhnliche kinder, mit sehr verschiedenen stärken und schwächen, die zusammenarbeiten. Die einrichtung war kirchlich und so waren die kinder mit jungen alternativen praktikant_inn_en und pädagog_inn_en und alten, verstaubten nonnen konfrontiert. Die intelligenz und zusammenarbeit der kinder ging so weit, dass sie es zusammen schafften sich den schlüssel fürs büro der wirklich schrecklichen obernonne zu besorgen und sie von samstag nachmittag bis montag morgen in diesem, im verwaltungsflur, einzuschließen, dort hörte sie übers wochenende niemand…

Sie erzählte von den verschiedenen Krankheiten und von den Auswirkungen auf die kinder, Mustafer hatte muskelschwund, sein vater arbeitete in einer schokoladenfabrik, er brachte immer die ganze ausschussware mit. Steffan hatte eine spastische lehmung, er musste nachts festgeschnallt werden, es war schrecklich für ihn. Wenn meine mama und der coole erzieher nachtschicht hatten, ließen sie die schnallen sein und trugen ihn morgens in die badewanne, im warmen wasser lößten sich seine muskeln, ganz ohne schnallen, ohne fixierung, ohne folter. Heidi hatte das down-syndrom, sie hörte am aller liebsten Heidi-hörspiele, wenn sie von der schule kam, flog ihr ranzen queer durch den, schon aus Erfahrung, geräumten flur. Im bus sagte ein Kind mal es müsse aufs klo, sie fragte es, ob es die zwei stationen noch schaffe, es sagte ja, nach einer station ein wimmern, dann lief es über die rollstuhlkante, meine mutter tat so als wäre nichts und sie stiegen aus und schafften es eine positive situation zu erhalten, alle lachten erstmal herzlich über die blicke der anderen leute im bus.

Nun gut ich hatte viel erzählt bekommen und wusste, dass ungewöhnliche menschen nicht angestarrt werden und individuen sind, wie alle anderen auch, toll.

Aber umgang hatte ich nur mit den ganz gewöhnlichen kindern, von sozial bis asozial, aber keines saß im rollstuhl, hatte eine spastik, oder eine geistige ungewöhnliche entwicklung. In meiner regelschulerfahrung lernte ich, dass ungewöhnlichkeit mit scheinargumenten oder ganz offen ausgeschlossen wird, als kind von den anarchos war auch ich ungewöhnlich und wurde oft ausgeschlossen. Davon hatte ich dann irgendwann genug und grenzte mich selbst ab, erst gothic, dann punk, aber umgang mit ungewönlichen menschen, mit einer behinderung hatte ich trotzdem nicht.

So starre ich eben nicht, fast genauso schlimm, ich starrte weg… durch mangelnde erfahrung machten mich begegnungen nervös, da ich ganz klar spürte, dass auch dieses weggestarre scheiße ist, ich wusste, normal verhalten, eine so schrecklich relative aussage!!!

Dann zwang ich mich zum „normal“ verhalten, steif und nervös verhielt ich mich dann ganz normal, scheute den blickkontakt nicht, starrte nicht. Gerade mit den kindern gelang mir das ganz gut, ich erklärte und hatte durch die würmer eine nie gekannte gelassenheit gefunden, natürlich auch, wenn wir ungewöhnlichen menschen begegneten, auch war ich selbstsicherer. Aber innerlich angespannt.

Meine beste freundin ging in eine integrationsklasse, ich bewundere die wirkung dieser gelegenheit, sie erzählt oft von den beiden integrationskindern. Sie hat keine berührungshemmungen, kein stocken, wenn eine gruppe mit leuten aus der mosaikwerkstatt ins blickfeld kommt. So wie ich, obwohl ich das nicht möchte, mich zu tiefst dafür schäme!

Als unsere Große starb, flehte ich die welt um eine zeitmaschiene an, um eine wiederholung. Dass ich früher nach ihr schaue, die wiederbelebung klappt, dass ihr herz wieder schlägt, dass ich sie zurück holen dürfte, egal wie, auch wenn ich es nicht ganz geschafft hätte, sie hirnschäden hätte, wir sie ein leben lang pflegen würden, sie nie richtig erwachsen werden würde, solang sie glücklich sein dürfte. Ich weiß, ich werde sie immer lieben, egal, wie sie ist!!!

Diese erfahrungen haben etwas in mir verändert. Allgemein die trennung vom lauf der welt abgeschnitten, dieses angestarre, wenn die leute wissen, dass sie gestorben ist, dann starren sie mich an, im krankenhaus starrten sie, wenn ich unterwegs bin und mir die tränen von einer sekunde zur anderen aus den augen stürzen, starren sie dumm, ab und zu reicht mir jemand ein taschentuch, menschen in der masse. Wenn sies alle wüssten, würden sie nur noch mehr starren.

Als meine listenhündin kurz vor ihrem tod kaum noch laufen konnte, fiel mir auf, dass mich diese mitleidigen blicke ankotzten, viel schöner waren positive reaktionen, ein lächeln, ein guter wunsch. Das war eine seltsame erfahrung, denn ich bin selbst der typ, mitleidieges gesicht, mitfühlend, also kein besonders aufhellender beitrag, verstehen ist nicht alles, ein lächeln gibt so viel!

Wir gehen häufig in eine trauergruppe, die in einem gebäude auf dem gelände eines kinderhospitz und auch in dessen garten stattfindet. Im sommer erkundete die Kleine das gelände mit mir.

Die kinder aus dem hospitz kommen natürlich auch raus, oft liegen sie im halbschatten auf decken auf der wiese, oder toben herum, was die meisten aber so nicht mehr können. Ich weiß nicht, was die kinder für diagnosen haben, die meisten haben einen maaßangefertigten rollstuhl und können oft zumindestens ihre hände bewegen und damit ihren rollstuhl autonom steuern, viele haben sauerstoffgeräte/-schläuche und einen monitor (winziges gerät, das ekg, sauerstoffsättigung usw. misst) dabei.

Die Kleine interessiert sich sehr, sie geht zwischen den jugentlichen und erwachsenen patienten, auf ihren decken vorbei. Zu einem kleinen kind, winzig, auf einer decke, es ist etwas älter als sie selbst, aber kleiner, es liegt auf der seite, etwas speichel sickert aus seinem mund.

Die Kleine freut sich unheimlich, ein anderes kind, sie ist behutsamer als sonst, setzt sich zu ihm. Zunächst schaut sie zu, wie das kind mit ausgesteckten armen grashalme zupft und sich langsam in den mund steckt und mit der zunge befühlt. Dann streichelt sie das kind, nachdem blickkontakt hergestellt ist, sehr vorsichtig und liebevoll, sie spricht mit ihm, langsam und sanft, leider verstehe ich sie nicht so gut, sie ist erst 16 monate alt. Dann rückt sie näher, beginnt grashalme auszuzupfen und sie vor die hände des anderen kindes zu halten. Sie hat erfasst, in welcher geschwindigkeit die welt des kindes sich bewegt und wartet ab, bis es danach greift.

Das Kind sucht erst mit den augen, bis es die Kleine findet, seine augen sind forschend, fühlend, klar, es begreift die welt um sich und den kontakt mit meiner tochter, dann nimmt es auch mich wahr. Fixiert mich, wendet sich wieder der Kleinen zu. Wir bleiben bei ihm, bis es einschläft, dann schauen wir uns weiter um.

Ich bewundere die Kleine sehr, als wir begannen auf spielplätze zu gehen fiel mir auf, dass sie die zwei tage in der integrationskita sehr beeindruckt haben mussten, die beiden kinder mit trisomie21 dort, hatte sie sofort favorisiert. Leider haben wir darmals die eingewöhnung abgebrochen, ein kind hieß fast genauso, wie die Große, das habe ich nicht ertragen. Aber seit dem findet sie jedes kind mit trisomie21, das sich auf einem spielplatz aufhält und umarmt es und knutscht es ab.

Sie liebt kinder mit down-syndrom! Sie queekt, wenn sie eines sieht und den spielplatz vor diesem kind zu verlassen ist nicht möglich!!! Leider haben wir schon lange keines mehr getroffen. Obwohl wir hier im bezirk mehr familien zu haben scheinen, die sich für ein kind mit trisomie21 entscheiden, zum glück!!!

Als ich mit meinem mann, vor ein paar monaten, seit jahren, zum ersten mal alleine war, mussten wir zur ärztin, er war zuhause geblieben, weil er sich die lunge aus dem hals hustete. Wir gingen zusammen. Bei der ärztin gibt es viele ungewöhnliche patient_inn_en, sie macht substitution und bietet wohl auch eine bestimmte therapie oder quallifikation für menschen im rollstuhl mit (spastischer) lähmung. Im wartezimmer sitzt ein elternteil mit seinem sohn, so 14 jahre alt, im rollstuhl, den er über ein pet steuern kann, sein kopf ist in einer schale gesichert. Als ich mich neben ihn setze schaut er mich an, ich lächle und sage ihm unbefangen hallo, ich sehe in seinen augen freudige verwunderung. Wir waren schon vorangemeldet und werden gleich aufgerufen, er schaut mich die ganze zeit an, ich zwinker ihm zu und sage „Bis gleich“, er lächelt und versucht zu nicken. Als wir wieder raus kommen, sage ich ihm  „Auf wiedersehen, hat mich gefreut“ wieder freut er sich, mein blick fällt auf seinen vater, der mich dankbar anlächelt. In diesem moment schäme ich mich. Ich schäme mich, für all die menschen, die das nicht fertig bringen und ich schäme mich, dass dies erst die erste situation ist, in der ich so unbefangen ehrlich sein kann, ich schäme mich für seinen dank, er sollte nicht dankbar werden können, für etwas selbstverständliches. So wie mit seinem, gehe ich mit allen kindern um, die interesse an mir zeigen. Auch wenn das das erste mal war, dass ich das ohne innere hemmung tat.

Seit die Kleine zur kita geht, haben wir wieder einen sehr pünktlichen tagesablauf und sind wirklich immer zur geichen zeit unterwegs. Nachmittags ´treffen wir jetzt sehr oft einen jungen menschen mit lähmung im rollstuhl und mit pflegekraft. Die pflegekraft ist ein junger kerl mit blonden dreds und lockeren ökoklamotten, als wir uns zum zweiten mal in der gleichen situation treffen begrüßen wir uns lachend, der rollstuhl hackte beide male in der tür und die Kleine wollte beide male noch mehr brezel. Wir müssen danach in die gleiche richtung, beim zweiten hallo, sehe ich freude in den augen des jungen menschen im rollstuhl, er reckt den kopf und lächelt. Ich nehme es als zeichen, dass ich endlich richtig rangegangen bin, ich fühle mich damit nicht unwohl, es fühlt sich zwischenmenschlich endlich richtig an. Wir liefern uns nun, wenn wir uns begegnen ein wettrennen die straße berg ab. Die beiden auf den fahrgeräten freuen sich und lachen, es tut einfach nur gut! Ich bin dankbar für diese erfahrung, die ich zusammen mit den kindern machen darf.

Auf dem weg zu kita und wieder zurück, treffen wir eigentlich immer einen bus, der die bewohner_innen einer betreutes-wohnen-einrichtung, mit ungewöhnlichen menschen, die ähnliche rollstühle haben, wie die patient_inn_en aus dem hospitz. Die begleitenden sehen auch irgentwie ungewöhnlich aus, ein cowboy und eine frau im papageienlock… oft müssen wir uns mit kinderwagen und rollstuhl auf dem engen gehsteig arrangieren, dabei sehen wir uns in die augen und grüßen nun auch immer. Die Kleine fastzinierte zu anfang, wie schnell die e-rollstühle die rampe hochdüsen.

Dies alles sind persönliche schlüsselmomente.

Ich bin dankbar, für das gefundene, einen weiteren mantel aus künstlichkeit los geworden zu sein. Das wünsche ich allen, die offen sein wollen und durch hemmungen behindert werden!!

Lovis

Ps. Bitte seht mir Rechtschreibehler nach, ich bin Legasthenikerin und seit eineinhalb Jahren ist die Legasthenie manchmal sehr stark, je nach Gefühlslage, psychosomatisch, so zu sagen…auf meinem Blog schreibe ich generell nur Namen, Zitate, Überschriften und am Satzanfang groß, das ist Absicht.

Lovis

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