„Nein, die Kleine soll kein Mädchen sein!“, sagt ihre Freundin

Gestern waren wir bei der besten Freundin der Kleinen, sie ist fast drei, ein bisschen älter als meine Kleine. Daher spricht sie auch schon mehr, eigentlich macht sie kaum was anderes.

Obwohl die beiden sich sehr mögen, gerne spielen und auch mit einander teilen, probiert die Freundin gerne das meins-spiel und das du-darfst-das-aber-gar-nicht-spiel aus. Ich glaube, dass das stark durch den alltäglich gegenwärtigen machtkampf der älteren geschwister erprobt wird.

Jedenfalls ist es manchmal ein bischen ansträngend, wenn eine von beiden, oder schlimmer noch, beide müde sind…

Aber gestern war die stimmung gut, trotz müdigkeit der Freundin.

Die beiden Kleinen malen zusammen, der Mittlere zeigt mir und seiner Mama basteleien und die Älteste ist außer haus, sowie der Papa.

Die Kleine hüpfte immer wieder glücklich zwischen malzeug und puppenbuggy hin und her, dann kam sie mit einer hellblauen glitzermotiv-haarspange zu mir gelaufen und bedeutete mir sie ihr in die haare zu stecken.

Ich lass mich nicht lange bitten, die Kleine freut sich, so etwas hat sie noch nicht, kämmen tut sie sich selbst, die fähigkeiten dazu wuchsen gleichermaßen mit ihren haaren, ich habe sie nie kämmen müssen, da darf ich höchstens mal ran, um ihr einen kurzlebigen zopf zu machen, was sie bis vor kurzem noch gänzlich ablehnte.

Haarspangen sehe ich immer als unnötiges,  verschluckbares kleinteil, das, wenn ich nutzen und risiko abwäge einfach draußen bleibt, auch reißen die verdammten dinger immer haare mit raus, wenn die feinmotorik das öffnen noch nicht zu lässt, ich möchte meinen kindern auch nicht angewöhnen reize zu unterdrücken, wie eine haarspange drinnen lassen, obwohl alles in ihnen danach verlangt das ding zu betasten und raus zu ziehen, sie es aber lassen, weil sie für diesen natürlichen drang mit schmerzen bestraft werden.

Ähnlich ist es mit dem tragen von make up und wimperntusche, bloß nicht berühren, sonst verwischt das schöne bild, hier reicht schon gesellschaftliche wertevermittlung aus, die bei den kindern ebenfalls eine rolle spielt.

Die Kleine stand neulich morgens da und vor ihr auf dem boden lag ein zopfgummi. Und mein hirn, das gerade auf leerlauf lief, formulierte einfach so die frage „Soll ich dir heute  einen zopf machen?“, ich biss mir auf die zunge, sie bejate. Mist, unter dem fahrradhelm könnte es weh tun, dann gibts einen emotionsreichen aufbruch, aber ich war ja selbst dran schuld, also erst mal versuchen.

Meine herangehensweise war eigentlich mit jedem schmuck am kind zu warten bis der eigene wunsch irgendwie geäußert wird.

Als die Goße zweieinhalb war, sagte sie, sie wolle einen zopf, ich hatte nur riesenzopfgummis und erklärte ihr, dass das damit nicht geht und sie noch so kurze, dünne haare hat, dass sie auch keinen zopf brauche.

Darauf erklärte sie mir, dass Papa einen hat, ich einen habe und sie nun auch einen will. Kluges, kluges kind, ich fragte meinen mann nach seinem zopfgummi und gab ihm eins von meinen großen, die Große bekam einen zopf und ich kaufte am nächsten tag kleine, schwarze zopfgummis für sie. Der zopf hielt selten lange durch und wurde nicht oft gewünscht.

Schade, nun hatte ich also der Kleinen den wink gegeben.

Der zopf tat unterm fahrradhelm nicht weh. Er erreichte die Kita mit einer ganz normalen Kleinen im schlepptau. Aber er würde stürmisch begrüßt und die Kleine immer wieder auf diese positive neue Berreicherung aufmerksam gemacht. Am nachmittag begrüßte sie mich dann mit gebundenen haaren, nur das zopfgummi war ausgetauscht.

Am nähsten tag kamen wir an und die Kleine wurde begrüßt und angemerkt, dass sie heute keinen zopf trage und wo denn ihr zopfgummi sei.

Bitte versteht mich nicht falsch, die Pädagogikkräfte sind wirklich kompetent und gehen respektvoll mit den kindern um, der Kleinen wird keine windel aufgezwungen, obwohl sie so alle 1,5 tage ein mal in die hose macht, ihr wille wird respektiert, trotz der arbeit, die dieser mit sich bringt. Sie hatten sogar eine meinungsverschiedenheit im team und haben im sinne der kleinen entschieden. Ich möchte ledigtlich die situation mit der haarspange in den dazugehörigen kontext stellen.

So nun saßen wir gestern bei freundinnen. Als die Kleine nun mit der Haarspange am kopf wieder zum maltisch lief, sagte ihre beste Freundin,

„Nein die Kleine soll aber kein Mädchen sein!!!“

Allgemeine verwirrung.

Wiederholen der aussage.

Die mama fragt die Freundin, ob sie denke, dass meine Kleine ein junge wäre.

Darauf geht die ausruferin nicht ein,

„Die kleine soll kein mädchen werden, das darf sie nicht, nein, Kleine, das sollst du gar nicht, du sollst kein mädchen sein!“

Wieder die frage, von ihrer mutter, „Ausruferin, denkst du, das die Kleine ein junge ist?“ Und sagt ihr, dass die kleine das spiel nicht mag.

Ich frage nichts der gleichen, ich denke auch nicht, dass sie das so meinte, ich denke sie meint das soziale geschlecht, das frauen ohrringe und mädchen haarspangen zu ordnet.

Natürlich bringe ich das wort „Muschi“ ins spiel, erinnere an die gemeinsamen pinkeleien und an die spiele mit wasser und den ausflug zum see, die Ausruferin hat die Kleine schon oft nackig gesehen.

Ihre Mutter fügt noch hinzu, dass die Kleine keinen Pulla hat. Ich nehme die Kleine in den arm, die ersten rufe hatte sie liebenswürdig und unverständig überspielt, ich glaube nicht, dass sie je zweifel daran hatte, dass sie ein mädchen ist, seit sie das einordnen kann, aber nach dem das thema so eindringlich alle beschäftigt, macht es sie unsicher.

Ich sage ihr noch ein mal, dass sie, die Ausruferin, ihre Mutter und ich eine muschi haben, weil sie mäd…usw., ruhig füge ich noch hinzu, dass nicht nur mädchen haarspangen, haarreifen und zöpfe tragen, mir fielen alle möglichen beispiele ein.

Ich bin sehr dankbar für mein letztes beispiel, der bruder eines jungen aus der kita hatte ihn letzte woche in einem kleid abgeholt. Ein gestreiftes sommerkleid mit einem grünen t-shirt.

Dass ich aus dem stehgreif so viele beispiele nennen kann, warum eine haarspange und schmuck nichts mit dem sozialen oder physischen geschlecht zu tun haben, beruhig sie.

Am tisch dann wieder, „Kleine, du sollst kein mädchen sein!“, ich hatte der Kleinen die harspange nicht raus gemacht und sie hatte sie drinnen gelassen, das war der Ausruferin nun ins auge gefallen.

Noch ein mal die frage, „Glaubst du, dass die Kleine ein junge ist?“, nun kommt doch noch ein „ja“, als antwort.

Sie ruft aus,“Ja, die Kleine ist ein junge, Kleine, bist du ein junge?“.

Die Kleine ist kurz verunsichert die frage wird noch ein mal freundlich, wie vorher auch, wiederholt.

Nun sagt sie „ja“.

Wir erwachsennen müschen uns dann auch gleich wieder ein.

Die Kleine wollte das thema beenden und, wenn die Ausruferin meint, sie sei ein junge, dann ist ihr das schnuppe, oder nur im spiel.

Ich muss zugeben, dass ich fastziniert auf die szene starrte, gebannt von diesem ausbruch belegter gesellschaftlicher genderkorsets, die sich aus diesem „für mädchen“ und „für jungen“, ergeben. Ich denke, dass die Ausruferin schon weiß, dass die Kleine auch ein biologisch entwickeltes mädchen ist, so, wie sie auch, ich denke bloß, dass sie schon sehr gut erfasst hat, dass das gegenüber haarspangen einen geringeren stellenwert im „mädchen-sein“ einnimmt!

Ich freue mich auf weitere gender-diskussionen mit der Ausruferin!!!

Lovis

6 Gedanken zu “„Nein, die Kleine soll kein Mädchen sein!“, sagt ihre Freundin

  1. dazu fällt mir ein kleines beispiel meiner kindheit ein.
    als meine mutter mit mir schwanger war, ging sie davon aus ich werde ich junge.
    warum erfuhr ich erst als 9 jahre später als mein kleiner bruder zur welt kam.

    meine mutter ließ mir keine langen haare wachsen, immer wenn die haare länger wurden, schnitt sie sie einfach gegen meinen protest ab.
    sie machte mir immer einen seitenscheitel den ich hasste.
    mutter trug einen seitenscheitel und ich musste auch, da nutze der ganze protest nichts.
    meine 1 jahr jüngere schwester durfte ihre haare langwachsen lassen, trug pony und mittelscheitel.
    erst im alter von 11 jahren, meine haaren waren wieder lang geworden, ich war allein zuhause, da wusch ich meine haare und zog mir einen mittelscheitel.
    endlich durfte ich aussehen wie ich mich mochte.

    warum ich ein junge werden sollte?
    später als teenager warf mit meine mutter vor, dass mädchen nur geld kosten würden.
    ihre ganze liebe und zärtlichkeit zu der sie fähig war, bekam der kleine bruder ab.
    meine schwester und ich gingen dabei leer aus.
    noch heute beschimpft mich meine mutter, weil ich so lebe, wie es meine pschische gesundheit gerade zulässt.
    berentet, deswegen beschimpft sie mich als arbeitsscheu.
    mich wundert nicht, psychisch krank geworden zu sein.

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    1. und warum dachte deine mutter, dass du ein junge würdest?
      Auf deinen letzten kommentar hatte ich noch nicht geantwortet, weil ich es nicht so nebenbei tun wolllte, und bei uns zuhause explodiert gerade alles, alle werden krank, sogar die schubladen fallen auf einmal auseinander und brauchen neuen leihm…
      lovis

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      1. weil sie das so wollte.
        damals gab es noch keine ultraschalluntersuchungen.
        wenn sie sich etwas einbildet, muß es auch so zutreffen, das ist noch heute so.
        kranke mutter, krankes kind.

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    1. Ja, die tage fließen an mir vorbei. Ich mach grad viel mit der kleinen, damit sie nicht darunter leidet, dass ich gerade etwas down bin, aus dem gleichen grund geh ich jetzt mit ihr abends ins bett und komme so nicht mehr so viel zum schreiben, ich wollte Dir auch noch eine mail schreiben, ist nicht so offen für alle lesbar..alles liebe,
      Lovis

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      1. alles okay lovis. dachte nur du seist eventuell krank oder so, aber dem ist ja nicht so und kinder sind wichtiger als zu bloggen. ich freue mich, wenn du mir schreibst. antworte auch ehrlich.

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